Feinnervig bis zur Erschöpfung

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Von Matthias Nöther

\r\nWenn die Berliner Philharmoniker in ihrer opernsatten Heimatstadt drei konzertante Aufführungen von Richard Wagners „Walküre“ ansetzen, dann begeben sie sich freiwillig unter einen enormen Druck. Zwar müssen sie das vierstündige Musikdrama nicht “besser” spielen als Daniel Barenboim und die routiniert farbenprächtige Staatskapelle in ihrem neuesten, ideenlos bebilderten „Ring“; als Marek Janowski und das RSB in ihren handwerklich gediegenen aber etwas verstaubt wirkenden Wagner-Konzerten; oder als, ach ja, Donald Runnicles und das Orchester der Deutschen Oper, die Götz Friedrichs „Ring“-Inszenierung wohl noch Jahrzehnte durch den 80er-Jahre-Zeitentunnel rollen lassen. Die Philharmoniker müssen nicht besser sein, aber interessanter.\r\n\r\nSie sind es. Interessant ist dieses Konzert in der Philharmonie natürlich nicht nur deshalb, weil die musikalischen Ereignisse so unvorhersehbar, so zerbrechlich scheinen. Nicht nur deshalb, weil die gemeinsame Ankunft des Orchesters mit den Solisten auf einem der leidenschaftlichen Höhepunkte nicht selten ungewiss scheint. Doch man bangt nie um die Musik. Und um einmal die Relationen zu benennen, vor deren Hintergrund Simon Rattle das Orchester in der Philharmonie zu einer ungewöhnlichen und unvergesslichen Leistung bringt: Kaum ein großes Opernorchester, zu dessen Kerngeschäft Wagner ja zwangsläufig gehört, hat einen so hohen spieltechnischen Standard zu bieten wie die Berliner Philharmoniker, die ja zunächst mal ein Konzertorchester sind. Doch ein Opernorchester wiederum begleitet jeden Abend sehr unterschiedliche, teilweise völlig unbekannte und auch schon mal unerfahrene Sänger. Das bringt mehr Routine, als die Philharmoniker mit Wagner oder auch Bizet je erreichen können. Streicher eines guten Opernorchesters zum Beispiel können die feingliedrigen, rhythmisch vertrackten Sänger-Begleitfiguren in den wahnsinnigen Liebes- und Verzweiflungsszenen der „Walküre“ wohl meistens irgendwie ins richtige Tempo und in richtige Balance zu den Solisten bringen, weil sie unermessliche Erfahrung im Sängerbegleiten haben. Bei den Philharmonikern erfordert vermutlich Vieles, was in einem Opernorchester Standard ist, eine eigene Denkleistung, ein minutiöses Justieren, den Mut des Einzelnen zum Risiko.\r\n

Spielt sich nicht von selbst

\r\nWie selten die Musiker das Stück letztlich doch in ihrer Geschichte gespielt haben und unter welcher Anspannung sie an diesem langen Abend bis zuletzt stehen, merkt auch der ganz unbedarfte Zuhörer in der Philharmonie am Ende. Kurz vor Wotans endgültigem, todtraurigen Abschied von seiner Lieblingswalküre Brünnhilde kommt ein leises, doch exponiertes Trompetensignal ungefähr zehn Takte zu früh. Es ist der verzeihliche Irrtum eines erschöpften Einzelnen, es macht am Ende dieses denkwürdigen Abends nichts mehr aus, aber allen im Saal dämmert: „Die Walküre“ spielt sich für die Berliner Philharmoniker nicht von selbst, sie schauen nach Textstellen, nach den Kollegen, und sie zählen, wenn es sein muss, professionell die Takte ab. Nonchalance ist nicht das Gebot der Stunde, schon gar nicht für Simon Rattle, den Dirigenten. Fasziniert wird man Zeuge, wie der große Motivator, der einzigartige Verfechter orchestraler Freiheit, hinter präzisen und knappen kapellmeisterlichen Anweisungen verschwindet.\r\n\r\nDer sprichwörtlichen spielerischen Freiheit im Verbund, jenem wahren Markenkern der Philharmoniker seit jeher, ist dies alles nur förderlich. Würde man sonst während des ersten zarten Liebesblicks zwischen Siegmund und Sieglinde ein dermaßen umsichtig, verhalten und in jeder Regung zugleich feinnervig reagierendes Solo wie jenes des Solocellisten Ludwig Quandt hören? Würden sonst die Holzbläser in Siegmunds Frühlingslied so intensiv in ihren eigenen Klang hineinhören, dass in dessen transparentem Geflecht kaum eine einzelne Bläserlinie solistisch-vorlaut sich bemerkbar macht?\r\n

Immer neue Räume in die Seelen

\r\nUntergründig, wie von Zauberhand bringen Rattles lapidare Anweisungen die Musik dennoch auf jene Betriebstemperatur, auf der diese hitzigste und vielleicht pessimistischste aller romantischen Opern glühen muss, bis zum Ende. Dies ist vielleicht die größte Leistung des Orchesters: die Steigerung zum Schluss, zum göttlichen Feuerzauber hin, vom schmissigen Walkürenritt über den so oft langatmigen dritten Akt hinweg. Wagners vielleicht doch zu sehr konstruierter Dialog zwischen Wotan und Brünnhilde um Recht, Schuld und Willkür, er wirkt eloquent gerafft, zielsicher geht Rattle auch in Wotans ellenlanger Geschichtserzählung auf die Höhepunkte, rundet die Form dieses dramaturgisch eigentlich in zwei Hälften auseinanderfallenden Stücks, das Orchester öffnet den Sängern immer neue Räume in die Seelen ihrer Figuren.\r\n\r\nVielleicht wäre das Ganze ein bisschen mehr Opernkonzert ohne Evelyn Herlizius. Mit ihr ist es mehr Musiktheater, auch ohne Szenographie. Welche Brünnhilde wäre heute noch – wenn man diese eigentümliche altdeutschen Rollendefinition einmal ganz modern auffasst – „hochdramatisch“ zu nennen wenn nicht sie? Die Philharmoniker haben sich zwar ohnehin stimmlich und darstellerisch schlanke, agile Solisten ausgesucht, es sind vermutlich die international Besten, die man derzeit für diese Rollen bekommen kann, es sind die modernen Prototypen der Wagner-Figuren, die da auf der Bühne stehen, doch Evelyn Herlizius muss vielleicht am meisten Energie aufbringen, denn an sie ergeht die Forderung, der Prototyp einer überschäumenden, nicht zu bremsenden Tochter mit Lizenz zum Krawallmachen zu sein. Die Mission glückt. Ihre Spitzentöne beim Hojotoho schleudert sie dabei allerdings einfach irgendwohin, aber das gehört wohl zum Krawall dazu und ist immer noch auf einem hohen Maß an sängerischer Disziplin gegründet.\r\n

Terje Stensvold: Greise Überraschung für die Wagner-Szene

\r\nIn rein musikalischen Belangen in der Philharmonie Sensation zu machen, fällt dagegen dem Siegmund Christian Elsners sowie dem Wotan des Norwegers Terje Stensvold zu, der mit seinen internationalen Wagner-Debüts im Greisenalter ohnehin zu den ganz großen Sängerüberraschungen der letzten Jahre zählt. Der drahtige, hochgewachsene Stensvold wird als Wotan in Eigenregie zu jenem alten, schlitzohrigen Machtpolitiker, der ein Mal zu viel zu hoch gepokert hat und der über „die Trümmer der eigenen Welt“ mit ein bisschen Kasernenhofton hinwegzukommen meint. Stensvold singt mit kerngesundem Stimmmaterial, brillant eingesetzter Gesangstechnik und blendender deutscher Diktion auf selbstverständliche Art jenen „hohen Bass“, den Wagner vermutlich meinte. Christian Elsner seinerseits scheint die Akribie und den Wohlklang seiner Diktion dezidiert aus dem Liedgesang herzunehmen – ein unter jüngeren Wagner-Tenören immer häufiger zu hörender Zusammenhang. Auch wegen seiner noch nicht vollends schwer gewordenen, noch auch lyrischen Wagnerstimme könnte er in den kommenden Jahren wiederum der stimmliche Prototyp des Siegmund werden. Eva-Maria Westbroek ist als Sieglinde ohnehin seit Jahren die Größte, als Seelendrama en miniature spielen sich alle Katastrophen dieses wölfischen Endzeitstücks in ihrem Gesicht noch einmal ab.\r\n\r\nMan vergisst für einige Stunden, dass Wagner zu Lebzeiten für seine „Walküre“ nicht wirklich Sänger zur Verfügung hatte und dass die kurze Epoche, in welcher genug Solisten für diese schwergängigen, kräftezehrenden Partien zur Verfügung standen, eigentlich schon wieder vorbei ist. In der Philharmonie muss niemand Angst um irgendwelche Töne haben, die ihm aufgrund von Überanstrengung der Ausführenden verloren gehen. Sie sind alle da, und man meint, das liege daran, dass es allen Singenden um die deutliche, glasklare Formulierung ihrer Gedanken gehe, nicht um irgendwelche angstbesetzten Spitzentöne. Auch bei Lilli Paasikivi als Fricka und Mikhail Petrenko als Hunding hat man den Eindruck, dass die Stimme schon von alleine kommt, wenn der Sänger und Musiker nur das auch meint, was er singt und spielt. Das stimmt zwar nicht, aber es ist eine schöne Illusion. Mit Rattle, den Philharmonikern und ihren mit sicherster Hand ausgewählten Solisten ist sie möglich.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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