Mal eine ganz un-automatisierte Kritik

\r\n

Von Matthias Nöther

\r\nEntgegen allem Anschein: Dies hier ist kein Gustav-Mahler-Blog. Wäre das so, könnte sich der Blogger das Leben leicht machen und das Wochenende auf dem Balkon genießen. Denn es gibt doch jetzt angeblich in Amerika dieses Computerprogramm zur Erstellung von Sportreportagen. Das wird mit den Informationen gefüttert, wann der Stürmer das Tor schoss, wann der Matchball geschlagen wurde. Dann kann man noch eingeben, ob man eher einen sehr persönlichen oder eher einen nüchternen, faktenorientierten Bericht haben will. Das Computerprogramm schreibt dann den Artikel, liefert für einen Radiobeitrag, wenn gewünscht, vermutlich noch die passende Stimmlage, und wieder wurde ein Journalist eingespart.\r\n

Mahler-Kritik aus dem Automaten?

\r\nKönnte man so etwas für Kritiken über Mahler-Aufführungen erfinden? Kein Problem wahrscheinlich. Für Mahlers Sechste Symphonie, jenen musikalischen Seismographen einer noch nicht geschehenen Katastrophe… Ah, das wäre doch schon das erste tolle Formulierungs-Versatzstück, das bei einem Bericht immer vorkommen könnte. Dann noch „Zerrissenheit“, „Verzweiflung“, „Unerbittlichkeit des Marschcharakters“ und einige Adorno-Zitate. Zur Aufführung selbst gibt man die Angaben „zu schnell“, „sehr durchsichtig und filigran“ und so weiter in eine Maske ein. Aus Fairness gegenüber den Kollegen erwähne ich jetzt die Presseorgane nicht, die eine so entstandene Musikkritik sicherlich drucken würden.\r\n\r\nAber zurück zur Ausgangsfrage: Warum jetzt schon wieder ein Bericht über Mahler, nach den Berichten über Dudamels Kino-Fiasko mit der Achten und über das tolle Kammerorchester-Arrangement der Neunten, aufgeführt vom Ensemble MINI? Nun, so ein Blog soll ja was Persönliches sein, sagen die Auguren des Web 3.0. (Deshalb darf ein Text auch mal so unglaublich langatmig sein wie dieser hier, finde ich).\r\n

Mahlers Sechste und ich, oder: Ich bin auch ganz toll.

\r\nPersönlich an diesem Text ist: Ich habe auch mal einen Satz aus einer Mahler-Symphonie für Kammerorchester arrangiert und dann dirigiert. So habe ich also eine Schwäche sowohl für das Experiment des Ensembles MINI mit der Neunten als auch für Mahlers Sechste, die jetzt das Rundfunk-Sinfonieorchester unter dem Dirigenten Tadaaki Otaka im Konzerthaus aufführte. Meine Konzerte waren schon vor 12 Jahren, in Weimar und Jena. Es war damals übrigens wesentlich leichter, das Andante aus Mahlers Sechster für ein Kammerorchester umzuschreiben als am Ende genügend Streicher zu finden, die zwischen Diplom-Prüfungen, Probespielen und Hauptfach-Unterricht auch noch in Solo-Besetzung ein Riesenorchester simulieren wollten. Die Bläser für die tollen Mahler-Soli zu motivieren, das war nicht so das Problem.\r\n\r\nIm Konzerthaus ist interessant, wie unberührt mich gerade das Andante lässt, das ich ja damals offenbar sehr geliebt haben muss. Ich möchte da nicht alle Schuld aufs RSB schieben, nur ein bisschen: Die Konzentration, die Fokussierung des Klangs und zugleich seine Biegsamkeit, die das RSB unter seinem Chef Marek Janowski fast immer vorführt, sie ist hier nicht zu hören. Die Akustik des Konzerthauses ist nicht optimal für große Symphonik, das ist bekannt. Streicherlinien verlieren sich vor der Zeit im Nirwana, aggressiv geblasene Trompetentöne, die eigentlich, in Mahlers charakteristischer Orchestermelodie, organisch weitergeführt werden sollten von anderen Instrumentengruppen, reißen stattdessen einfach ab.\r\n\r\nOtaka hat allerdings eine gute Entscheidung getroffen, das Andante nicht als dritten, sondern als zweiten Satz zu spielen, wie in der Uraufführung in Essen 1906. Der Gegensatz zum nervenzerfetzenden Marsch des ersten Satzes wirkt eindrucksvoll, man will nicht gleich das burleske und gleichfalls marschmäßige Scherzo hören. Das nimmt Tadaaki Otaka dann so langsam, dass es zur ungeschminkten Satire auf alle bis dahin geschriebenen Symphonie-Menuette seit Josef Haydn wird. Gut gemacht.\r\n

Keine souveräne Verkündung der Katastrophe

\r\nIn diesem langsamen Tempo allerdings wäre auch weit mehr an Pointierungen des Absurden möglich gewesen. In vielen Fällen, gerade im ersten und im vierten Satz, fühlt sich das RSB für eine kontrollierte Gestaltung von interpretatorischem Mehrwert hörbar zu unsicher. Im Orchester passieren keine Katastrophen, dazu ist das Orchester mittlerweile zu sehr auf Genauigkeit im Ensemblespiel getrimmt. Aber auch Mahlers Katastrophe in der Marsch-Kakophonie des Finales mit seinen Hammerschlägen wird nicht souverän verkündet, sondern streng nach Partitur exerziert, mit leichter Bammel vor dem ungewollten Chaos. Das alles ist verständlich, das RSB ist kein explizites Mahler-Orchester, hat etwa die Sechste in 30 Jahren nur zweimal gespielt. Tadaaki Otaka scheint ein echter Routinier des spätromantischen Repertoires zu sein. Aber vielleicht hätte man für so ein komplexes Stück keinen RSB-Debütanten gebraucht, sondern einen vertrauten Dirigenten.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

flattr this!