Musikvermittlung mit dem Google-Translator

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Von Matthias Nöther

\r\nÜbertragungen von klassischen Symphoniekonzerten ins normale deutsche Blockbuster-Kino – kann das Publikum anziehen? Die Kinokette UCI hat dies jetzt in Deutschland probiert, mit einem groß aufgezogenen Klassik-Event aus Caracas. Gustavo Dudamel dirigiert zur Zeitin Los Angeles sämtliche Symphonien Gustav Mahlers, in Caracas gab es ein Gastspiel mit der Achten.\r\n\r\nGezeigt wurde in den letzten Tagen in deutschen Kinos eine Aufzeichnung dieses Events. Symphonie der Tausend wird sie genannt. Dieser griffige, nicht von Mahler stammende Titel wurde dann auch auf den Kinoplakaten abgedruckt.\r\n\r\nIn Deutschland ist die Idee, klassische Konzerte in Kinos zu übertragen, nicht mehr ganz neu. Simon Rattle und seine Berliner Philharmoniker nutzten erstmals vor eineinhalb Jahren ihre eigentlich fürs Internet entwickelte digitale Übertragungstechnik, um Konzerte live in ganz normale Multiplex-Kinos zu bringen. Wie damals war es auch jetzt bei der Übertragung aus Los Angeles ein gigantisch besetztes, schon allein optisch höchst eindrucksvolles Werk von Gustav Mahler, das die Zugangsschwelle zur Klassik für den unbedarften Kinobesucher niedrig halten sollte.\r\n

Letzte Bündelung der Kräfte?

\r\nDie 1910 in München uraufgeführte achte Symphonie von Gustav Mahler gilt unter Mahler-Kennern nicht unbedingt als seine beste. Denn das Ambivalente, Zweifelnde, musikalisch Grenzgängerische, was Mahler zum Ahnvater der musikalischen Moderne werden ließ, dies alles geht in der Achten im Jubel eines lateinischen Pfingsthymnus sowie in Versen aus Goethes „Faust“ unter – bombastisch gesungen von zwei großen gemischten Chören, acht Gesangssolisten sowie einem Kinderchor.\r\n\r\nIn den USA wütet die Finanz- und Wirtschaftskrise. Sie setzt selbst den namhaftesten Orchestern dort schwer zu. Die kostspielige Aufführung von Mahlers Achter wirkt vor diesem Hintergrund eher wie eine letzte Bündelung aller eben noch verfügbaren Kräfte. Die nötigen Mäzene und Sponsoren lockt man nur, indem ein möglichst populärer Dirigent den gesellschaftlichen Nutzen des Ganzen effektiv glaubhaft macht.\r\n\r\nDer Dirigent Gustavo Dudamel kann zur Zeit den sozialen Aspekt von Klassik wie kein anderer Musiker international verkörpern. Er ging aus dem Sistema in Venezuela hervor, einem musikalischen Sozialsystem, das Kinder erfolgreich mit einer kostenlosen musikalischen Ausbildung von der Straße holt.\r\n

Auch LA braucht jetzt ein musikalisches Sozialsystem

\r\nBevor die Mahler-Konzertübertragung für das internationale Kino überhaupt anfängt, wird ein etwa vierzigminütiger Einführungsfilm gezeigt. Darin wird mehr als einmal betont: Im Orchester sitzen nicht nur Musiker aus Los Angeles, sondern auch Dudamels einstige Kollegen aus dem legendären Simon-Bolivar-Jugendorchester, der repräsentativen Speerspitze des venezuelanischen Sistema. In dem Vorfilm smalltalkt sich ein jovialer Moderator durch Berichte von musikalischer Früherziehung in Venezuela. Auch in Los Angeles, wo die soziale Kluft mittlerweile der in mittelamerikanischen Metropolen nicht mehr völlig unähnlich sein dürfte, zieht man gerade so ein musikalisches Sozialsystem auf, mit Hilfe Gustavo Dudamels.\r\n\r\nAll diese Hintergründe könnte durchaus für deutsche Kinobesucher interessant gemacht werden, hätte sich die Vertriebsfirma Omniverse Vision in London nur ein bisschen mehr Mühe gegeben. Doch wie will man das breite deutsche Kinopublikum erreichen, wenn man für die deutschen Untertitel automatisch vom Google-Translator machen lässt – inklusive aller Peinlichkeiten, die dabei entstehen?\r\n

Ziemlich hilflos

\r\nDie Kameraführung im Konzert selbst beschränkt sich meist auf die Nahaufnahme derjenigen Musiker, die gerade spielen. Aus der berühmtesten Filmstadt der Welt hätte man sich da anderes erwartet. Optisch wie akustisch bleibt der Film weit hinter den heutigen medialen Vermittlungsmöglichkeiten für klassische Musik zurück. Konzertmoderator und Kamera würden am liebsten vor Beginn noch in jedes einzelne Instrument hineinkriechen, um der Musik etwas näher zu sein. Das wirkt ziemlich hilflos. Dass der Moderator oder die Musiker im Film etwas zu Gustav Mahlers vielschichtiger Poetik sagen, das verlangt ja gar keiner. Aber dafür hätte man vielleicht Untertitel für den teilweise lateinischen Text organisieren können.\r\n\r\nSo kann der Film dem äußerst spärlich anwesenden Publikum im UCI-Palast, das immerhin achtzehn Euro bezahlt hat, nur unzureichend vermitteln, weshalb er in Deutschland gezeigt wird. Die große Chance, internationale Klassik für das normale Kinopublikum interessant zu machen, wurde hier durch dramaturgische und durch handwerkliche Fehler verpasst. Und ein spezialisierter Klassikliebhaber dürfte sich dann mit dieser Präsentation einer Mahler-Symphonie zufrieden geben, wenn er etwa in der Wüste von Arizona lebt und gar keine kulturelle Grundversorgung hat. Davon ist man glücklicherweise in den meisten Regionen Deutschlands noch weit entfernt.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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