Das Ende aller Musik ist schneller als sonst

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Von Matthias Nöther

\r\nEs gibt in Mahlers Neunter dieses unerhörte Ende. Die Figur eines Doppelschlags – jene seit musikalischen Urzeiten übliche doppelpunkthafte Verzierung, in welcher ein Auftakt-Ton einmal nach oben und einmal nach unten ausweicht, bevor die Musik auf die folgende Zielnote abspringt – diese Figur also ist seit dem dritten Satz in mehreren Anläufen kultiviert, von allen Seiten beleuchtet und schließlich sogar zünftig mahleresk verarscht worden. Am Ende des Adagio-Finales dann geht der Symphonie mitten auf dem Doppelschlag die Luft aus. Als komponiertes Ende aller Musik ist das, von Adorno oder so, bezeichnet worden.\r\n\r\nDie ersten Geigen spielen normalerweise diesen ins Unendliche gedehnten Doppelschlag, der sein Ziel vergessen hat, filigran, wie einen Hauch. Das hat Aura, die Spannung bleibt weit über das Ende des Verlöschens hinaus. Musikkritiker finden ein Konzert mit Mahlers Neunter immer dann besonders toll, wenn dieser zu Überlebensgröße gedehnte Weltschmerz besonders stark zelebriert wird.\r\n\r\nBeim ensemble mini, das jetzt ein Kammerorchester-Arrangement von Mahlers Neunter im Kammermusiksaal präsentierte, wird dieser letzte, hauchzarte und überdehnte Doppelschlag von einem einzigen Geiger gespielt. Der federleicht aufgelegte Bogen bringt fast nur noch ein Kratzen hervor. Aura ist nicht. Hier scheint alle Musik schon ein bisschen früher zuende und in eine Performance à la Christoph Marthaler übergegangen zu sein. Genial.\r\n

Etwas für Mahler tun

\r\nWas bis zu diesem frappierenden Schluss geschehen ist, stellt die bisherigen verdienstvollen Versuche des ensembles mini, Fin-de-Siècle-Komponisten in alten und neuen Kammerorchester-Arrangements aufzuführen, deutlich in den Schatten. Schon im Früheren war keine Musikstudententruppe unterwegs, die auch mal Mahler spielen will, aber sich bisher kein 100-Mann-Orchester zusammenschnorren konnte. Nein, die Musiker sind Akademisten und Jung-Mitglieder der großen Berliner Orchester, und sie haben vermutlich die meisten Mahler-Symphonien bereits mehr als einmal mitgespielt. Mini-Mahler braucht nichts für die Musiker zu tun, sondern sie, die Musiker, wollen etwas für Mahler tun.\r\n\r\nDenn, obwohl es komisch klingt: Mahlers Spätwerk ist in seiner Faktur zu rätselhaft, um so häufig aufgeführt zu werden, wie es in seiner Original-Riesenorchester-Gestalt in unserer Zeit aufgeführt wird. Die seltsamen, auch noch im Kontrapunkt verschachtelten Themen etwa des ersten Satzes der Neunten, sie schleifen sich im Ohr ab, man kommt ihnen aber nicht unbedingt näher.\r\n\r\nDer Freiburger Arrangeur Klaus Simon hat nun diese Kammerorchester-Bearbeitung besorgt, die sowohl die Zusammenhänge als auch die Brüche dieses Satzes viel stärker ausleuchtet als es im sämigen Original mit seinen Streichermassen möglich ist. Die Bläser sind bei Simon zwar auch reduziert, doch sind die entscheidenden Horn-, Klarinetten- und Trompeten-Aufgaben immer noch an die entsprechenden Musiker verteilt. Die haben daneben natürlich noch andere Lücken aufzufüllen, doch geschickt und manchmal mit einer Prise Ironie bindet Klaus Simon auch Instrumente wie Akkordeon und Klavier mit ein.\r\n

Keine Laboratmosphäre wie in Schönbergs Verein

\r\nMan kann vermuten, dass es Simon und auch dem ensemble mini nicht wie weiland dem Mahler-Fan Arnold Schönberg in seinem Verein für musikalische Privataufführungen ausschließlich darum ging, über Mahler-Kammerbearbeitungen in die innere Struktur der Werke einzudringen, quasi in Laboratmosphäre, unter Ausschaltung möglichst aller Sinnlichkeit. Simon will sie, die Sinnlichkeit. Weit lässt er das originale Solohorn ausschwingen, der Dirigent Joolz Gale seinerseits verlangt von seinen fünf (!) Streichern Übermenschliches: Die Länge der Bögen scheint beim Streichen nie zu reichen, Marc Daniel van Biemen und Teresa Krahnert, die beiden Violinen, scheinen den begrenzten Lautstärke-Ambitus ihrer Instrumente durch Dauerfeuer sprengen zu wollen.\r\n\r\nHier wird schier Übermenschliches geleistet, ohne dass jemand der jungen Profis den kühlen Kopf verliert. Und Joolz Gale hat in der Wahl seiner relativ langsamen Tempi augenscheinlich wenig Angst vor Lücken, die in der kleinen Besetzung entstehen könnten. Sie tun es nicht.\r\n\r\nDie sechs frühen Orchesterlieder von Arnold Schönberg werden zuvor von der Sopranistin Evelina Dobračeva mit ähnlicher Intensität und Strahlkraft fulminant bewältigt. Das Stück erinnert jedoch daran, dass die Musik des Fin de Siècle, mag man sie „Jugendstil-Musik“ nennen, selten auf der Höhe von Gustav Mahlers Kompositionen stand. Die Schönberg-Generation war noch zu jung, um einen eigenen Stil gefunden zu haben, und wusste insgeheim bereits, dass dieser Stil nicht in den Wagner- und Wunderhorn-Epigonien gründen konnte, die sie gewissenhaft anfertigten.\r\n\r\nImmerhin nimmt das Kammerorchester-Arrangement den Schönberg-Liedern etwas von ihrem Tristan-Schwulst, es kommen darunter tatsächlich jene Jugendstil-Linien zum Vorschein – wenn es so etwas in der Musik überhaupt jemals gegeben haben sollte.\r\n\r\nIm Mai und im Juni ist das ensemble mini im Kammermusiksaal mit noch zwei Fortsetzungen seiner Mahler-Reihe zu erleben.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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