Dracula – ein postmodern-poppiger Pappkamerad?

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Von Matthias Nöther

\r\nWussten Sie das? Einer der berühmtesten deutschen Streifen, Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“, feierte letzten Donnerstag seinen neunzigsten Geburtstag. Der gewaltige Grusel-Stummfilm erlebte am 15. März 1922 im Berliner Primus-Palast seine Premiere. Und noch mehr konnte am vergangenen Freitag das vollbesetzte Babylon-Kino in Mitte von dem Organisten und Filmmusiker Stephan Graf von Bothmer erfahren: „Nosferatu“ sei für die Deutschen der Zwischenkriegszeit das gewesen, was für die anderen europäischen Nationen der Kriegsfilm war – ein Medium, das die grausigen Erinnerungen an das massenhafte Schlachten des Ersten Weltkriegs kathartisch verarbeitete.\r\n\r\nÜber die suggestive Wirkung, die dieser unheimliche Film noch auf den heutigen Zuschauer haben kann, ist viel geschrieben worden, dies hier ist eine Musikkritik. Die kann leider nicht viel Gutes sagen.\r\n\r\nDas Wenige also zuerst. Es ist zwar kein Novum, Chorklang in Filmmusik einzubauen, doch es ist ein Novum und durchaus ambitioniert, dem Chor eine feststehende Partitur zu verweigern. Stefan von Bothmer hat für seinen „Nosferatu“-Soundtrack verschiedene musikalische Figuren erfunden, die er dem Chor während der Filmvorführung aus dem Stegreif verordnet. Diese Figuren bestehen aus mehr oder weniger simplen Akkordfolgen, rhythmischen Patterns und einem bulgarischen Fantasietext. Der Projektchor „the silent voices“ ist dieses Wagnis eingegangen und gibt dem Publikum eine Ahnung, wie suggestiv eine inständig sich wiederholende Akkordfolge mit einem starken Film zusammen wirken kann, mit Hilfe Bothmers am Klavier sowie der Sopranistin Fanny Rennert. Zeitweise umgeben einen die Musik und das Bild wie ein dunkler weiter Mantel.\r\n\r\nDas ist allerdings vor allem der Anwesenheit der Musik geschuldet, nicht ihrer Qualität. Der junge Held ist nach Transsylvanien gekommen und nähert sich der Burg des grausen Grafen Dracula, später fährt das pestverseuchte Dracula-Schiff voller Ratten und toter Seeleute gen Norddeutschland. All das wird unterlegt mit diesem beliebten poppigen und unheildräuenden Pendel aus zwei bis drei Akkorden. Diese Akkordfolge, die sich nicht so richtig zwischen Wagners Tarnhelmmotiv des Nibelungen und „The Sixth Sense“ des Bruce Willis entscheiden kann. Ja, da wird aus „Nosferatu“ ein edles postmodernes Pop-Produkt. Das darf schon sein.\r\n

Nosferatu will Gegenwart

\r\nDas scharfe expressionistische Schwarzweiß des Films, das doch so viele schillernde Untertöne hat, es scheint akustisch verchromt wie die Dusch-Armatur aus der Axe-Werbung. Warum nicht? Es ist erlaubt, sich den alten Zwanziger-Jahre-Dracula, der da aus seinem mottigen Sarg steigt, auf Abstand zu halten. Im Pop steht A-Cappella-Chorgesang für gediegene Vergangenheit. Schön, aber kompliziert und deshalb zum Glück weit weg. Komisch nur, dass im Kino nach etwa dreißig Minuten das altkluge Gekicher des jungen Studentengemüses über die angeblich so billig gemachten Schock-Effekte des Murnau-Klassikers verstummt ist. Die Geschichte des unaufhaltbaren, aus dem Nichts kommenden Grauens, das die Zivilisation überwuchert, wirkt. „Nosferatu“ ist kein Pappkamerad, und er will Gegenwart.\r\n\r\nDa hat sich Bothmer mit seinen wohlfeilen Akkorden gründlich verrechnet. Am Ende erschließt nicht die Popmusik des Chors und die von Bothmers leider eher belanglosen Klavierspiel die ach so alte Filmästhetik für ein junges Publikum, sondern der Film wertet unberechtigterweise die Musik auf. Das Experiment mit der improvisierten Patternfolge ist verdienstvoll, doch leider hat Bothmer offenbar die Schwierigkeiten seines Vorhabens unterschätzt und den Chor nicht genügend einstudiert. In jeder neu sich formierenden Figur braucht es etliche quälende Sekunden, bis der Chor gemeinsam auf dem richtigen Akkord in der richtigen Intonation angekommen ist. Dennoch: Die Versuchsanordnung ist ernst zu nehmen, der Mut der „Silent Voices“ zum Unvorhersehbaren ebenfalls. Der nächste Schritt wäre, sich musikalisch nicht in poppiger Nostalgie zu verschanzen, sondern zu der Modernität des Murnau-Meisterwerks Stellung zu beziehen.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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