Schmettern an der Himmelspforte

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Von Matthias Nöther

\r\nDer schwäbische Chorleiter Clytus Gottwald, geboren 1925, hat es sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht, den gemischten Chören der Gegenwart ein ähnliches Repertoire zu erschaffen wie jenes, über das Symphonieorchester verfügen – ein Repertoire, das auch von der musikalischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts profitieren, sich an ihr abarbeiten darf. Seit den siebziger Jahren hat Gottwald immer wieder Schlüsselwerke der vorwärtsdrängenden Romantik und der klassischen Moderne für Chor bearbeitet. Der Rundfunkchor Berlin sang unter dem Titel “Orchester der Stimmen” nun etliche Gottwald-Arrangements von Debussy-, Ravel-, und Mahler-Stücken in der Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg.\r\n\r\nNatürlich hat sich Clytus Gottwald diese Werke auch deswegen ausgesucht, weil sich in ihnen noch das Ausdrucksbedürfnis der Komponisten deckt mit den Eigenschaften großer, spätromantischer Klangapparate – mit denen des Symphonieorchesters ebenso wie mit denen des polyphonen Chorklangs a cappella. Denkt Gottwald wirklich, dass die Chormoderne mit der Orchestermoderne bis heute nicht Schritt gehalten hätte und dass die Chöre, um nun auch modern zu werden, ein bisschen was vom zeitgenössischen Orchesterrepertoire abbekommen sollen? Das hieße, von falschen Voraussetzungen auszugehen, aber wahrscheinlich denkt er das nicht, sondern es ist ein Missverständnis.\r\n\r\nFest steht: Mit Stücken im Gefolge von Ligetis „Aventures“ oder der experimentellen Vokalmusik von Luciano Berio und Dieter Schnebel verfügt die Nachkriegsavantgarde durchaus über ein wegweisendes Chorrepertoire. Das ist zwar nicht besonders angenehm zu singen, aber mit vollmundigem A-Cappella-Klang wollten sich die Komponisten nach 1945 eben nicht abgeben. Das kann man wohl kaum als Mangel auslegen, da es doch einer damals gespürten ästhetischen Notwendigkeit gehorcht.\r\n

Ausbruch aus alten Techniken

\r\nGottwald seinerseits hat die Avantgarde nach 1945 in seinen sonor tönenden, klangfarben-reichen Arrangements durchaus auf dem Schirm: Vor allem die Bearbeitungen von Mahlers Orchesterlied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ und Ravels Lied „Soupir“ machte er ausgiebig von Satztechniken Gebrauch, die, wie die Avantgarde seit den 1920er Jahren, aus den jahrhundertealten Techniken des vierstimmigen Satzes ausbrechen: Stimmen überkreuzen und durchschlingen sich scheinbar gesetz- und regellos, die vier Teile des Chores, oft in 16 Stimmen aufgeteilt, finden sich in extremen Lagen wieder.\r\n\r\nFür den Rundfunkchor unter dem hochverdienten Marcus Creed ist das alles möglich, wenn auch im ersten, französischen Teil manchmal nicht ganz klar ist, ob es sich bei gewissen klanglichen Anschrägungen um besonders neutönerische Passagen oder um minimale Intonationsschwächen handelt – was bei diesen komplexen harmonischen Schichtungen verziehen werden könnte.\r\n

Nix Tupfiges

\r\nPoulencs Original-Chorkomposition „7 Chansons“ von 1936 stammt von einem der wenigen Komponisten, der zu jener Zeit dem traditionellen vier- bis achtstimmigen Chor zur Konstruktion einer musikalisch unerhörten Zukunft vertraute. Seine Harmonien besitzen weniger das lieblich Tupfige der Impressionisten als dass sie oft wie von einer gewaltigen Pranke hingestellt scheinen. Die archaischen Klangeffekte, in denen eine Vokallinie durch mehrere Okaven hindurch parallel geführt wird, sie weisen den Hörer dann auf die raffinierten Mahler-Arrangements von Clytus Gottwald hin.\r\n\r\nHiervon begeistert vor allem das wunderbar atmende, auf- und abschwebende „Ich bin der Welt abhanden gekommen“. Mahlers Wunderhorn-Lied „Urlicht“ wird von Gottwald mit den Einsprengeln eines Droste-Hülshoff-Gedichts angereichert – Verse, die das instrumentale Zwischenspiel austextieren. Andere Instrumentalteile – wie der, in welchem sich die Seele nicht vom Engelein an der Himmelspforte abweisen lässt – werden von den ersten Sopranen aggressiv in den Satz hineingeschmettert. Ein bemerkenswerter Aspekt dieser eigentlich kindlichen Poetik. Er ist in Mahlers Wunderhorn-Vertonung selbst ohne Zweifel enthalten, in Aufführungen der Auferstehungs-Symphonie (die diese Musik ebenfalls enthält) aber kaum je ausreichend beleuchtet.\r\n

Da lobt man sich die Strenge von Brahms

\r\nAlldem gegenüber ist Gottwalds Austextierung des berühmten Adagietto aus Mahlers Fünfter auf Basis von Eichendorffs Gedicht „Im Abendrot“ keine ganz so gute Idee. Das Ausmaß des Original-Adagietto ist bei aller Gefälligkeit doch ein ausladender Teil einer Mahler-Symphonie und nicht mit Formprinzipien eines vierstrophigen Gedichts übereinzubringen. Es wogt und wogt und wogt, der Text wird immer unverständlicher. Da lobt man sich doch Brahms’ fünf Gesänge opus 104, namentlich das letzte, „Im Herbst“. Brahms bewies: Drängender Zukunftsklang ist auch in strenger, konservativer, strophischer Form möglich.\r\n\r\nEin nicht unriskantes, aber souverän dargebotenes Chorprogramm. Für so etwas sind in Berlin eben die hochberühmten, professionellen Chöre zuständig, das hat der Rundfunkchor verstanden.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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