Lara Croft im Land des Lächelns

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Von Matthias Nöther

\r\nDie Opern François Aubers gehören zu jenen feinen Verästelungen des Opernrepertoires, die heute aus dem kollektiven Gedächtnis zumindest der deutschen Opernbesucher und auch der Berliner Opernmacher nahezu verschwunden sind. Derzeit erlebt jedoch das Genre der Operette in deutschsprachigen Musiktheatern ungeheuren Aufwind – kann doch gerade die Pariser Operette Jaques Offenbachs in ihrer überhitzt kreisenden Absurdität die ebenso überhitzt kreisende Absurdität der westlichen, an Finanzmärkte geknoteten Zivilgesellschaften bestens veranschaulichen. Nun hatte man an der Komischen Oper den Mut, die Vorläufer-Generation der Offenbach-Operetten auszugraben, in Gestalt von Aubers unbekannter Opéra comique „Das bronzene Pferd“ aus dem Jahr 1835.\r\n\r\nDie ebenfalls ziemlich absurde Handlung wird vom Regisseur Frank Hilbrich eher behutsam auf Gegenwart getrimmt. Hilbrich ist ein bedächtiger Inszenator, der nicht lediglich von programmatischen Ideen, sondern in gleichem Maß vom mit Opernsängern Möglichen ausgeht. Gerade seine Wagner-Inszenierungen in Halle oder Freiburg machten in den letzten Jahren auf diese Art Furore durch ihre kluge Dramaturgie, ihre meisterliche Verzahnung eines soliden Konzepts mit einem professionellen Vertrauen in den alten Opernapparat – eine Kombination, die selten geworden ist. Auber und sein Textautor Eugène Scribe machten sich seinerzeit auf professionell glatte, weder verstörende und noch wahrhaft angreifende Art über das Pariser Bürgertum lustig.\r\n\r\nPointensicher und auf den Punkt, mit kopulierenden Affen und Pandas als Running Gags, aber vielleicht für die heutige Zeit ein bisschen zu harmlos nimmt Frank Hilbrich die Stilelemente der alten Opernpartitur auf. „Das bronzene Pferd“ spielt in einem Fantasie-China, das ziemlich europäisch daherkommt. Mittelpunkt ist das Wohnzimmer eines Großgrundbesitzers, der seine Tochter zur fünften Ehefrau eines fetten, reichen Mandarins macht.\r\n

Dem Mandarin machen seine Ehefrauen das Leben zur Hölle

\r\nAnnelie Sophie Müller in der Rolle der Tochter, die dem Mandarin à la Lara Croft das Leben zur Hölle macht, veredelt ihre Darstellung der kämpferischen jungen Frau durch federleichte Gesangskunst im besten Operetten-Stil. Gleiches gilt für Erika Roos, die die Rolle der Mandarin-Ehefrau Nummer vier übernommen hat.\r\n\r\nDiese zwingt den Mandarin – der in der Verkörperung durch Tom Erik Lie auf seinem Bauch durch die Gegend rollt und gleichzeitig mit durchschlagskräftigem Bariton singt – in einen undankbaren Auftrag, den ein guter chinesischer Untertan nicht abschlagen kann, ohne seinen Kopf zu verlieren: Der Mandarin muss den chinesischen Thronfolger auf allen seinen Reisen wie ein Schatten begleiten. Der Prinz Yang seinerseits, von dem koreanisch-stämmigen Tenor Sung-Keun Park mit wenig asiatischer Zurückhaltung gespielt und mit Verve gesungen, will den Mandarin eigentlich auch nicht haben.\r\n

Das bronzene Pferd ist nicht so wichtig

\r\nUnd das bronzene Pferd? Ist nicht so wichtig. Fast alle Figuren reiten im Lauf des Stücks mal zum Planeten Venus, wo sie angeblich ungeheure erotische Abenteuer erleben, die sie aber nicht verraten dürfen, sonst werden sie zu Stein. Das ist mit dem üblichen abendländischen Entsagungskomplex ebenfalls auf ziemlich europäisch ausgedacht. Mit Aubers Musik, die lupenrein den Komödienstil von Rossini und Mozart ins mittlere 19. Jahrhundert hineinführt, unterstreicht das Orchester der Komischen Oper unter Maurizio Barbacini sowohl das Europäische als auch die schwindelig machende Absurdität dieser Ausgrabung. Das Ganze bleibt allerdings ähnlich amüsant und glatt wie vermutlich damals in Paris.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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