Die Faust, die nach Berliner Weisse schmeckt

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Von Matthias Nöther

\r\nMerkwürdig, wie spurlos dieser Abend an mir vorüberzieht. Das Programm ist facettenreich und nicht uninteressant, und doch findet meine Aufmerksamkeit im Spiel der Philharmoniker unter Christian Thielemann keinen Halt. Was habe ich erwartet? Thielemann gilt als mystischer Beschwörer eines deutschen Geistes in deutschem Repertoire, er kam lange Zeit kaum von Bruckner und Wagner weg. Zu Viele wollten ihn nur damit hören.\r\n\r\nNun also ein früher Debussy, ein früher Messiaen, ein später Tschaikowski. Vielleicht war ich neugierig, wie solche aus dem frankophonen Raum heraus gedachten Werke von der mystischen Suggestionskraft dieses Dirigenten profitieren können.\r\n

Thielemann wirkt einnehmend

\r\nThielemann wirkt an diesem Abend als Dirigent ausgesprochen einnehmend, verbindlich, konkret, nicht magierhaft. Spätestens, als er sich nach Debussys Trois Nocturnes in seiner Westberliner Mundart, die immer so ein bisschen nach Berliner Weisse mit Schuss klingt, an Block A wendet: Nein, alle neun „Poèmes pour Mi“ von Olivier Messiaen werde man heute abend nicht durchexerzieren, vier Stück müssten genügen, aus zeitlichen Gründen.\r\n\r\nDie Gesänge für Sopran und Orchester sind frühe Liebesgaben an Messiaens erste Ehefrau Claire aus dem Jahr 1936. Von der verschleierten Klangsprache des frühen Debussy hat sich Messiaen immer ausdrücklich distanziert, doch der späte Debussy des „Sébastien“-Oratoriums, mit seinen stehenden Klängen, seiner teilweise fieberhaft schneidenden Schärfe – ohne ihn sind diese Gesänge kaum denkbar.\r\n

Kein katholischer Weihrauch

\r\nSehr konkret wirkt das alles, ohne mystische Geheimnisse, das gilt auch für die sagenhaft genau und ausdrucksstark artikulierende junge kanadische Sopranistin Jane Archibald. Ihr Ton hat einen harten Kern und kann dem „Dramatischen“ folgen, das Messiaen offenbar für die Solistin vorgeschrieben hat. Und doch ist ein eleganter Hauch großer lyrischer Oper à la Puccini dabei, wenn Archibald Messiaens Hymne auf das Perlencollier seiner Frau singt. Das darf sie dann vor der Pause, weil Thielemann dem Publikum jovial doch noch ein paar Minuten gewährt, gleich nochmal darbieten. Angenehm ist an diesen Stücken, dass sie das Publikum nicht wie sonst bei Messiaen mit katholischem Weihrauch einlullen wollen, doch man spürt dafür in diesen Liedern auch keine gedankliche Radikalität, kein Suchen, keinen Biss. Auch Thielemann, so seine Begründung für die spontane Wiederholung des letzten Liedes, findet das Ganze vor allem „schön“.\r\n\r\nWer mehr will, ist hier falsch, aber auch wenn man als Musiker bei der Schönheit stehen bleiben will, erreicht man sie nicht immer. Claude Debussys Trois Nocturnes gehören eindeutig in die frühe, oft als „impressionistisch“ bezeichnete Phase des Komponisten. Thielemann und die Philharmoniker, bei deutschen Hausgöttern wie Bruckner oder Wagner die unbestrittenen Spezialisten eines indirekten Musizierens, die Beschwörer vager Ahnungen der Unendlichkeit, ihnen zerrinnen die „Wolken“, die „Sirenen“, die vorbeihuschenden Klänge des „Festes“ in harter Faust.\r\n

Sind die Philharmoniker zu lässig?

\r\nKeine Ahnung, woran es liegt, dass sich das große Erlebnis nicht einstellen will. Wohl nicht nur daran, dass die schnellen Streicherstellen in Tschaikowskis „Pathétique“-Symphonie fast immer unpräzise sind, auch ein bisschen lustlos gespielt. Zu Tschaikowskis Schicksalhaftigkeit jedenfalls gehört nicht die dem Schicksal in den Rachen greifende deutsche Faust, die man da zu hören meint. Tschaikowski ist eigentlich eleganter als die Berliner Philharmoniker an diesem Abend. Lässt das Orchester den Dirigenten hängen? Hat es zu lässig geprobt? Ist Thielemann mit seinem durchweg strengen Kapellmeister-Schlag so genau, dass sich die Philharmoniker zu sehr in Sicherheit wiegen?\r\n\r\nSicher scheint, dass sich irgendjemand in diesem Konzert zu wenig Mühe gibt. Vielleicht ist es auch das Publikum, das, wenn es besser zuhören würde, nicht konsequent und zuverlässig die Pianissimo-Schlussakkorde zerhusten würde. Spannungslos, fast resigniert – aber das ist wahrscheinlich die Einbildung des Beobachters – lässt Christian Thielemann nach dem letzten tiefen Akkord der „Pathétique“ die Arme sinken.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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