Komplizierter als eine Emanze

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Von Matthias Nöther

\r\nDer heitere Charakter des Schlussbeifalls, das völlige Fehlen von Buhs für einen intelligenten Regisseur wie Christof Loy, überhaupt die positive, sachliche Gestimmtheit des Publikums – all das weckt berechtigte Hoffnungen auf eine neue Rolle der Deutschen Oper in der Berliner Musiktheaterlandschaft. Nicht ausschließlich diese Dinge gaben Hoffnung, aber auch sie. Es gibt nicht mehr jenen krampfhaften Jubel aus Angst vor den Buhs der Gegenseite, der nach jeder neuen verkorksten Deutsche-Oper-Premiere der letzten Jahre aus dem Parkett scholl – dieses Triumphgeheul des Wutbürgers, dieses Jetzt-erst-recht. Der politische Stellvertreterkrieg um das Berliner Musiktheater tobt weiter, aber woanders. Gerade muss Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm ihn nach seiner Zweckentfremdung des Hauptstadtkulturfonds mit der freien Berliner Szene und den Medien ausfechten: Wie es schien, dienten die Premierenpausen im Konkurrenzhaus an der Bismarckstraße dem Staatsopernchef, um in vertraulichen Gesprächen mit Journalisten ein bisschen Schadensbegrenzung zu üben.\r\n

Vorläufig aus der Schusslinie der Kulturpolitik

\r\nDie Deutsche Oper dagegen hat sich erstmals seit langem glücklich von der politischen Front entfernen dürfen. Sie bekommt im Herbst aus Basel den neuen, beschlagenen Opernmann Dietmar Schwarz zum Intendanten, und die neue „Jenůfa“, die noch nicht in dessen Amtszeit fällt und auch nicht mehr in die vergangene von Kirsten Harms, sie kann ohnehin kaum für kulturpolitische Anti- oder Propaganda genutzt werden, man muss sie also genauer angucken und anhören. Vielleicht waren deshalb diejenigen Teile des Publikums, die in der Oper lieber selber schreien als zuhören, zur Premiere am Sonntag nicht da.\r\n

Volksliedsammler im mährischen Kosmos

\r\nVielleicht ahnten sie auch, dass weder aus einer guten noch aus einer schlechten Inszenierung von Leoš Janáčeks erstem musikdramatischen Meisterwerk „Jenůfa“ heutzutage ein handfester Skandal erwächst. Psychologisch zu fein ist das Eifersuchtsdrama um die junge Dorfschönheit und ihre Stiefmutter, die Küsterin, gestrickt, gesellschaftstheoretisch zu ambivalent. Janáček setzte sich nicht als intellektueller Großstädter von oben herab mit der damals so gefährdeten Rolle der dörflichen Frau in der fortschreitenden Industrialisierung auseinander, er hatte sich als Volksliedsammler persönlich in jenen mährischen Kosmos hineinbegeben und beleuchtete jene Rolle aus diesem Kosmos heraus.\r\n\r\nDie emanzipierte Frau in seiner Oper, die Küsterin Buryja, ist keinesfalls eine Sympathieträgerin, sondern eine finstere Rachegöttin. Weil sie sie vor ihrem eigenen einstigen Schicksal als gedemütigte und verlassene Mutter bewahren will, zerstört die Küsterin zugleich Jenufas private und gesellschaftliche Integrität, indem sie das uneheliche Kind ihrer Stieftochter heimlich tötet. Jenufa ihrerseits achtet liebend und rechtschaffen, aber naiv auf die Gottgefälligkeit ihrer Männerwahl. Sie taugt nicht zu jener Freiheitsheldin, zu der die Operndramaturgen reflexhaft sämtliche Frauenfiguren im Musiktheater der vorletzten Jahrhundertwende machen wollen.\r\n

Keine Klischees von weiblicher Knechtschaft

\r\nWie Janáček selbst, so fabuliert auch die Regie von Christof Loy nicht in generalisierenden gesellschaftlichen Ideen, sondern konzentriert sich ganz auf die Personen in ihrer spezifischen Situation. Der gesellschaftliche Rahmen, das industriell ausgebeutete, maschinell abgeerntete Getreidefeld mit den Strommasten vor der Haustür, dies alles bleibt im Hintergrund. Und auch der Vordergrund, das beklemmend geschlossene weiße Zimmer, das sich nur manchmal zum Feld hin öffnet, es bleibt die negative Erfahrungswelt der Küsterin, die dieses Zimmer noch vor der ersten Musik betritt: Das plakativ dargestellte Gefängnis der geknechteten weiblichen Seele, es taugt hier keinesfalls als Motto für das ganze Drama und alle Personen der „Jenůfa“,. Die Küsterin, stets ganz in Schwarz gekleidet, wird mit ihrer schwarzen Reisetasche als Rastlose eingeführt, als Außenseiterin in einer Gemeinschaft, deren tödliche Strenge sie ungewollt in ihren Charakter übernommen hat. In der Tasche wird sie auch Jenůfas Kind unter den vereisten See bringen. Jennifer Larmore singt diese Küsterin kühl und schneidend, stellt ihre farbenreiche Stimme selbstlos fahl in den Dienst der Rolle.\r\n

Massiver Orchesterklang

\r\nDonald Runnicles allerdings könnte ihr da mehr helfen. Sein „Jenůfa“-Orchester ist klanglich sorgsam durchgearbeitet, wie schon im „Tristan“ legt er großer Obacht darauf, Mittelstimmen herauszumeißeln. Dies allerdings führt zu einem zu massiven, wenig schlank federnden Klang, der nicht nur Jennifer Larmore, sondern etwa auch den zugkräftigen, die Ohren schier ansaugenden Tenor Will Hartmann in der Rolle von Jenufas Anbeter Laca mehr als ein Mal zudeckt.\r\n

Das eiserne Gesetz der Dorfgemeinschaft

\r\nAllerdings scheint Runnicles Dirigat auch die Intensität des Gesangs aller Beteiligten und damit auch Intensität des Spiels zu steigern – eines zeitlosen Spiels, das nicht auf Prinzipien einer verordneten Dramaturgie getrimmt scheint, sondern auf die persönliche darstellerische Präzision im Augenblick. Vielleicht gerade deshalb spielen Michaela Kaune und Joseph Kaiser dann den gesellschaftlichen Rahmen doch wieder mit: Sie schaffen es, dass hinter dem verzweifelten Zwiegesang der schwangeren Jenufa mit ihrem wankelmütigen Geliebten Steva das soziale Korsett so stark spürbar wird: das eiserne Gesetz und die grausamen Urteile, mit der die Dorfgemeinschaft jede Abweichung von der Tradition ahndet. Vor diesen allzumenschlichen Prinzipien wird sich auch die Kindsmörderin Buryja am Ende mehr fürchten als vor der Strafe Gottes für ihre Untat.\r\n\r\nWenige Augenblicke später blicken Jenufa und Laca, ihr neuer Ehemann, nicht mehr aufs  Ährenfeld, sondern ins schwarze, unbestimmte Nichts. Gewiss und zugleich eindimensional sind die bilderhaften Klischees, das gilt für die Oper  ebenso wie für die Realität. Für die Darstellung eindeutiger Gewiss- und Wahrheiten verzichtet Christof Loy auf Bilder, so wie er und seine großartigen großartigen Sängerdarsteller sich zuvor zugunsten des Dramas durchsichtig gemacht haben. Was von dieser „Jenůfa“ übrigbleibt, sind keine Fragen an ein hyperintelligentes, hyperoriginelles Opernregie-Konzept, sondern Fragen an die Welt.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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