Harakiri im Dschungel der Bürokratie

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Von Matthias Nöther

\r\nEs ist für den Zuschauer bei einmaligem Besuch kaum möglich, das Theaterspiel „Harakiri“ des ungarischen Dramatikers István Balínt in allen seinen Ebenen aufzufassen – zumal die Vetonung durch den Komponisten Peter Eötvös hinzutritt. Eine Japanerin (Annette Schönmüller) in einem Kimono-ähnlichen Gewand steht im Zentrum, in einem bühnartigen Rechteck, dessen Kulisse eine tiefverschneite japanische Landschaft ist.\r\n\r\nDer Selbstmörder (David Schroeder) hat seinen Tod lange vorbereitet. Bei seinem Text allerdings ist Balínt nicht von japanischen Ritualen, sondern vom Andersen-Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“ inspiriert: Der Selbstmörder – oder ist es doch nur ein übermüdeter Wahrheitssucher im Schlafanzug? – gibt nach und nach die sieben Matrazen, die er sich in seinem Leben geliehen hat, an ihre Besitzer zurück.\r\n

Der Selbstmörder schält sein Leben

\r\nEr schält sein Leben, bis er unmittelbar vor dessen minutiös inszeniertem Ende an dessen Kern und Wesen angelangt ist: der Erbse ganz tief unterm Matrazenberg. Rechts auf der Bühne wird die Rückgabe der Matrazen von einem Holzhacker (Nicholas Isherwood) kommentiert, der seinen Holzscheit pro Matraze in immer kleinere Stücke zerhackt. Da steigen wiederum Erinnerungen an das Harakiri-Ritual auf, an dessen Ende sich der Selbstmörder, damit er des Endes nun auch ganz sicher sein kann, nach allem eigenen Geschlitze von einem Sekundanten den Kopf abschlagen lässt.\r\n

Der Nachtisch der einen bedeutet den Hungertod der anderen

\r\nEs ist so kompliziert und doch so einfach. Kay Kuntze und seine Berliner Kammeroper sind vor zwei Jahren selbst fast am Ende gewesen, nach rund dreißig Jahren erfolgreicher und innovativer Arbeit wurde der Kammeroper die Basisförderung des Berliner Senats entzogen. Der Doppelabend „Radames / Harakiri“, der nun im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses gezeigt wird, ist die erste Aufführung der Berliner Kammeroper, die nur aus Projektmitteln finanziert ist. Genauer: Diese Gelder sind der Rest von dem, was große, hungrige Opernhäuser nach ihrer regelmäßigen Subventionsmahlzeit bereits als Nachtisch aus dem Hauptstadtkulturfonds abgezweigt haben. Auf die Notlage, in der die Kammeroper nun dauerhaft steckt, hat Kay Kuntze mit diesem Doppelabend reagiert, dem er den Titel „Die letzte Oper“ gegeben hat.\r\n\r\nIn diesem Rahmen, und das macht die Güte der Aufführung aus, leuchtet das komplizierte Stück „Harakiri“ auch dem unbedarften Zuschauer schlagartig ein. Durch die sieben Matrazen hindurch rückt der selbstmörderische Künstler, der da in einem sehr abendländischen Schlafanzug gezeigt wird, immer näher an das Ziel seiner lebenslangen Suche heran, doch das Anlangen am Kern bedeutet gleichzeitig sein Ende: Je weniger sich ein Berliner Theatermacher um langwierige Projektanträge, Subventionen und kulturpolitische Ränkespiele kümmert und je mehr er sich in seine eigentlich Arbeit, die Suche nach der Wahrheit, vertieft, desto gewisser ist ihm der baldige Tod.\r\n

Japanische Flöten säuseln im Vordergrund

\r\nAll das kommt in „Harakiri“ nicht als billige Satire daher. Die rätselhaften Subtilitäten der beiden japanischen Flöten, die Eötvös durchweg im Vordergrund säuseln lässt, sie geben uns durchweg die Ahnung, dass die Wahrheit der Kunst komplizierter ist als die groben Klötze und Keile, die Kulturpolitik und repräsentative Opernlandschaft in Berlin sonst so produzieren.\r\n\r\n„Radames“, das erste Stück des Abends, ist schon 12 Jahre vor „Harakiri“ von Peter Eötvös komponiert worden, es ist eine sehr viel unmittelbarere Satire auf den zeitgenössischen Opernbetrieb und es ist mit der heißen Nadel des empörten Künstlers gestrickt. Die kleine Combo mit Sopransaxophon, Tuba, Horn und Keyboard unter Leitung von Philip Mayers spielt erratisch klobige Melodiefetzen aus Verdis „Aida“. Dazu darf der letzte Sänger (Tim Serverloh) singen, der von der Sparwut der Sänger verschont geblieben ist. Aus Kostengründen ist es ein Countertenor, denn so kann er Aida und ihren Geliebten Radames gleichzeitig darstellen.\r\n

Der letzte Sänger stirbt

\r\nAm Ende wird der letzte Sänger dann zugrundegegangen sein, wird er doch von drei Regisseuren zugleich inszeniert. Weder der hyperintellektuelle Theaterregisseur (David Schroeder), die hormongesteuerte Opernregisseurin (Annette Schönmüller) noch der effektgeile Filmregisseur (Nicholas Isherwood) können dem letzten Sänger helfen, und am Ende wäre er wohl ganz froh, wenn er allein unter der Pyramide begraben wird – doch die Regisseure sind mit ihm und geben ihm noch bis ins Grab hinein Anweisungen. Eötvös schreibt seine Satire wohl weniger auf die landläufige Opernregie, die anno 1975 noch weit mehr Fantasie und Handwerk zu bieten hatte als anno 2012, sondern eher auf die sinnentlehrte Bürokratie des Opernapparats, die alle Kunst erstickt. So schreitet der Abend schlafwandlerisch sicher mit Melancholie und Witz voran.\r\n\r\n \r\n\r\nHaben Sie schon gespendet? Dieser Blog ist auf Ihre Spende angewiesen!\r\n\r\n

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